Lebensversicherung: Beteiligung an den Bewertungsreserven

Das Bundeskabinett hat am 4. Juni 2014 das Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG) beschlossen. Kernpunkt ist eine Änderung bei der Beteiligung an den Bewertungsreserven der Versicherten.

Beteiligung an den Bewertungsreserven in 2008 eingeführt
Der Gesetzgeber hatte mit Wirkung zum 1. Januar 2008 das Versicherungsvertragsgesetz (VVG) geändert. Seither sind die Versicherungsnehmer neben den jährlichen Überschüssen und den Schlussüberschüssen zusätzlich an der Hälfte der so genannten Bewertungsreserven zu beteiligen. Als Bewertungsreserven wird die Differenz zwischen dem aktuellen Marktwert einer Kapitalanlage und deren Kaufpreis bezeichnet. Aktuell bestehen diese Reservern insbesondere aus nicht relaisierten Gewinnen bei festverzinslichen Wertpapieren.     

Bis zu der Gesetzesänderung dienten Bewertungsreserven als Sicherheit von Lebensversicherungs-verträgen, da sie dazu beitrugen, Marktschwankungen am Kapitalmarkt auszugleichen und die bei Vertragsabschluss in Aussicht gestellten Gesamtrenditen zu erreichen.

Zinsschmelze führt zu starker Steigerung der Bewertungsreserven
Einen wesentlichen Teil der Kapitalanlagen eines Lebensversicheers stellen die festverzinslichen Wertpapiere dar. Die starke Zinsschmelze hat in diesem Bereich in den letzten Jahren zu hohen Bewertungsreserven geführt, die sich allerdings bei Auslaufen der Wertpapiere wieder auflösen. Soweit die Lebensversicherer schon heute ihre ablaufenden oder gekündigten Verträge an den Bewertungsreserven beteiligen müssen, können diese Reserven nur durch eine vorzeitige Veräußerung der attraktiven, hoch verzinslichen Wertpapiere realisiert werden.

Vorherige Regierung strebte Neuregelung der Bewertungsreserven an
Bereits in der abgelaufenen Legislaturperiode war eine von der alten Bundesregierung geplante Kürzung der Beteiligung an den Bewertungsreserven am Bundesrat gescheitert. Finanzminister Wolfgang Schäuble kündigte damals an, die Regierung wolle einen weiteren Anlauf zur Neuregelung der Bewertungsreserven der Lebensversicherer starten. Ziel sei es, in der Folge eines lang anhaltenden Niedrigzinsumfeldes geeignete Maßnahmen zur Stärkung der Risikotragfähigkeit und Stabilität der deutschen Lebensversicherer zu treffen.

Der Gesmtaverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GdV) betonte, dass die Lebensversicherer kein Interesse haben, die Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven insgesamt abzuschaffen. Doch während der Dauer eines künstlichen Niedrigzinsumfeldes wird eine Änderung bei festverzinslichen Wertpapieren als dringend notwendig bezeichnet.

Im Ergebnis waren sich also Gesetzgeber und Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft damals einig, dass lediglich der Umgang mit den Bewertungsreserven auf festverzinsliche Wertpapiere neu zu reglen sei.
 
Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG)
Der Bundestag hat am 4. Juli 2014 das Lebensversicherungsreformgesetz beschlossen. Die Neuregelung sieht vor, dass die Lebensversicherer ausscheidenden Kunden nur noch an den Bewertungsreserven auf festverzinsliche Wertpapiere beteiligen müssen, die nicht zur Deckung vereinbarter Garantien benötigt werden.

Gleichzeitig gilt eine Ausschüttungssperre an Aktionäre der Versicherungsgesellschaften, soweit der Sicherungsbedarf für bestehende Zinsgarantien den Bilanzgewinn überschreitet.

Die Lebensversicherer müssen zukünftig mindestens 90 % ihrer Risikoüberschüsse in Form der Überschussbeteiligung an ihre Versicherten weitergeben. Bisher lag die Mindestbeteiligung bei 75 %.

Diese gesetzlichen Regelungen sollen sofort nach dem Inkrafttreten des Gesetzes wirksan werden.

Abfrage Rückkaufswert und darin enthaltene Bewertungsreserven
Die Versicherten, die im Hinblick auf die Gesetzesänderung vor der Frage stehen, ob sie ihren Lebensversicherungsvertrag vorzeitig kündigen, können bei ihrem Versicherer die Höhe des aktuellen Rückkaufswertes bei Kündigung und der darin enthaltenen Bewertungsreserven abfragen. Um zu einer Entscheidung zu kommen, sollte bei Verträgen mit einer nur noch kurzen Restlaufzeit die Anfrage bei dem Versicherer auch um die Höhe der erwarteten Ablaufleistung und der darin enthaltenen Schlussüberschussbeteiligung erweitert werden. Erfahrungsgemäß halten sich hier die Versicherer zurück. Meist handelt es sich im Falle einer Nennung nur um eine unverbindliche Prognose, die eine Entscheidung wegen der Unsicherheit erschwert. Fällt jedoch die Reduzierung der Bewertungsreserve im Vergleich zu der bei vorzeitiger Kündigung wegfallenden Schlussüberschussbeteilung geringer aus, sollte der Vertrag bis zum vereinbarten Ablauf fortgeführt werden.

In den letzten Jahren haben diverse Versicherer die Höhe der Bewertungsreserven auch unterjährig verändert. Eine zuvor getroffene Entscheidung konnte also bereits wenige Wochen später auf eine veränderte Grundlage treffen. Darüber hinaus stand lange nicht fest, wann das Gesetz auch im Bundestag und im Bundesrat die erforderliche Mehrheit bekommt.

Jeder Versicherte sollte vor einer Entscheidung auch bedenken, dass er im Falle einer vorzeitigen Kündigung auf die meist attraktive Schlussüberschussbeteiligung verzichten muss und bei Verträgen, die zusätzlich ein biometrisches Risiko wie Tod, Unfall oder Berufsunfähigkeit einschließen, diesen Schutz gar nicht oder nicht zu vergleichbaren Konditionen wieder eindecken kann.

Unser Fazit: Von einer Gesetzesänderung werden voraussichtlich alle Kunden profitieren, die einen länger laufenden  Vertrag besitzen und diesen bis zum vereinbarten Ablauf durchhalten. Deren Verträge werden nun nicht mehr durch ausscheidende Versicherte und deren überhöhter Beteiligung an den Bewertungsreserven belastet. Die Kunden, deren Verträge in der nächsten Zeit ablaufen, stehen vor der Entscheidung, ob die anstehende Reduzierung der Bewertungsreserven höher ausfällt als der Verzicht auf die Schlussüberschussbeteiligung.

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